Auch der Nordbalkon kann Besuch bekommen

Pflanzen & Ernten

Auch der Nordbalkon kann Besuch bekommen

Wenig direkte Sonne macht einen Balkon nicht wertlos für Insekten. Statt ein sonniges Blütenbeet zu kopieren, brauchst du Pflanzen, die mit deinem tatsächlichen Licht zurechtkommen – und ein wenig Geduld beim Beobachten.

Ein Nordbalkon kann sich schnell wie die falsche Adresse anfühlen. Die Pflanzenbilder, die unter „bienenfreundlich“ auftauchen, stehen gefühlt immer in Sonne. Lavendel sieht großartig aus. Dein Balkon antwortet mit Schatten.

Die naheliegende Schlussfolgerung lautet dann: Hier lohnt sich das für Insekten wohl nicht.

Doch ein schattiger Standort ist nicht dasselbe wie ein Standort ohne Pflanzenleben. NABU Berlin führt für Nordbalkone ausdrücklich schattenverträgliche Beispiele auf und hat die Auswahl unter anderem mit Blick auf heimische oder europäische Pflanzen, Insektenfreundlichkeit und Mehrjährigkeit zusammengestellt. (NABU Berlin, PDF)

Der bessere Anfang ist deshalb nicht „mehr Sonne besorgen“, sondern: herausfinden, welche Art von Schatten du tatsächlich hast.

Nord ist eine Himmelsrichtung, kein Lichtmessgerät

Schau an einem typischen Tag in der Vegetationszeit mehrmals kurz hinaus. Bekommt der Balkon morgens oder abends doch etwas direkte Sonne? Ist er hell, weil gegenüber eine offene Fläche liegt? Oder bleibt er durch ein nahes Gebäude tief verschattet?

Auch Wind, Überdachung und die Lage im Gebäude verändern die Bedingungen. Zwei Nordbalkone können deshalb verschieden funktionieren.

Du brauchst daraus keine wissenschaftliche Messreihe zu machen. Ein paar Notizen reichen: „morgens hell ohne direkte Sonne“, „ab 15 Uhr sehr dunkel“, „windig an der Brüstung“, „hinten geschützt“. Damit kannst du Pflanzen nach ihrem tatsächlichen Standort wählen, statt allein nach dem Buchstaben N auf dem Grundriss.

Genau hier unterscheidet sich dieser Einstieg von der Suche nach einem allgemeinen „Bienenpflanzen“-Etikett: Zuerst muss die Pflanze bei dir leben können. Eine sonnenliebende Art hilft niemandem, wenn sie an deinem Platz dauerhaft schlecht zurechtkommt.

Es gibt Blüten für den Schatten

Als konkrete Orientierung nennt NABU Berlin für Nordbalkone zum Beispiel Geflecktes Lungenkraut, Gundermann, Wald-Erdbeere und Waldmeister sowie verschiedene Frühblüher. Die Liste enthält unterschiedliche Blütezeiten vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst. (NABU Berlin, PDF)

Das ist keine Einkaufsliste, die du blind in ganz Deutschland übernehmen solltest. Prüfe bei einer Gärtnerei oder regionalen Naturschutzstelle, welche Arten für deine Region und deinen konkreten Standort sinnvoll sind. Auch innerhalb derselben Art können Herkunft, Platzbedarf und Pflege relevant sein.

Für einen kleinen Balkon reichen zum Start zwei oder drei gut passende Pflanzen. Achte darauf, dass die Gefäße zur späteren Größe und zum Wurzelraum passen. NABU weist bei Kübelpflanzungen ebenfalls darauf hin, ausreichend große Gefäße zu wählen; für mehrjährige Pflanzen spielt zudem die Überwinterung im Topf eine Rolle. (NABU Berlin, PDF)

Und selbstverständlich bleibt Wasser ein Thema. Schatten bedeutet nicht automatisch, dass ein Topf nie austrocknet. Wind, kleine Gefäße und ein geschützter oder ungeschützter Standort verändern den Bedarf. Kontrolliere die Erde, statt aus der Himmelsrichtung einen Gießplan abzuleiten.

Pflanz für eine Saison, nicht für einen Fototermin

Wenn du mehrere Arten auswählst, lohnt es sich, nicht nur auf den gemeinsamen Blütenhöhepunkt zu schauen. Zwei Pflanzen, die nacheinander blühen, können für dich über die Saison interessanter sein als drei, die gleichzeitig für zwei Wochen ihr Bestes geben.

Du musst dafür aber keinen perfekten „Blühkalender“ konstruieren. Der erste Versuch darf klein sein. Eine frühe Art, eine später blühende Art und eine Pflanze, deren Blätter oder Wuchs dir selbst gefallen, sind bereits ein Anfang – sofern alle zum Standort passen.

Das ist wichtig, weil dein Balkon nicht ausschließlich für imaginäre Gäste eingerichtet wird. Du sollst ihn ebenfalls gern ansehen und pflegen. Ein naturnaher Balkon, den du nach drei Wochen als Pflichtprojekt empfindest, ist kein besonders gutes Dauerprojekt.

Verzichte außerdem auf das Versprechen, dass nach dem Einpflanzen sofort Wildbienen, Schmetterlinge oder andere bestimmte Arten erscheinen. Ob und welche Tiere kommen, hängt von der Umgebung, dem Nahrungsangebot, der Jahreszeit und vielen weiteren Bedingungen ab. Dein Topf eröffnet eine Möglichkeit. Er verschickt keine Einladungen mit Anwesenheitspflicht.

Dann beginnt der interessantere Teil: schauen

Wenn die Pflanzen wachsen oder blühen, setz dich gelegentlich für ein paar Minuten dazu. Nicht mit dem Auftrag, mindestens drei Insektenarten zu dokumentieren. Schau einfach, ob sich etwas verändert.

Vielleicht kommt tatsächlich eine Hummel. Vielleicht entdeckst du zuerst eine kleine Fliege, einen Käfer oder nur neue Blätter. Vielleicht bleibt es anfangs still und du merkst trotzdem, dass der bisher leere Balkon lebendiger wirkt.

Dann kannst du im nächsten Jahr genauer werden: Welche Pflanze kam gut mit dem Standort zurecht? Welche blühte lange? Wo war noch Platz? Was möchtest du selbst wiedersehen?

Ein Nordbalkon muss also kein verkleinerter Südbalkon werden.

Er darf seine eigene Adresse behalten.

Und gelegentlich findet trotzdem jemand hin.

Quellen & Hinweise zu diesem Text

Die im Originaltext genannten Quellen:

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